Bei Schmerzen mischt stets die Seele mit

Schmerzen lassen sich nicht immer mit einer Pille oder Spritze lindern. Oft lohnt es sich, nicht nur nach den rein körperlichen Ursachen zu suchen, zum Beispiel bei wiederkehrenden oder dauerhaften Rückenschmerzen. Denn auch die Seele hat einen großen Einfluss auf die Beschwerden.
So denken zum Beispiel rund neun von zehn Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen „Bewegung und Belastung sind schlecht für mich“, wie Michael Pfingsten, der als Professor an der Universität Göttingen lehrt. Das führt zu einem Teufelskreis: Unter anderem durch diese falsche innere Einstellung werden aus einfachen Rückenschmerzen chronische Beschwerden, die Betroffenen bewegen sich noch weniger und haben noch mehr Schmerzen.

Wie jemand einen Schmerz erlebt, werde von seinem Verhalten beeinflusst: „Mit welcher Aufmerksamkeit reagiert jemand auf Krankheitssignale? Wie geht er damit um: Horcht er sehr in sich hinein? Nimmt er alles wahr? Überinterpretiert er eventuell manche Signale?“, erläutert Pfingsten. Eine Verhaltenstherapie ist daher oft sinnvoller Bestandteil einer Schmerztherapie.
„Es gibt keinen Schmerz ohne seelische Beteiligung“, betont auch Gerhard Müller-Schwefe von der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie. Schmerz entstehe immer auch durch eine emotionale Bewertung. Viele Ärzte hielten Schmerzen daher für einen Ausdruck einer Depression, kritisiert der Mediziner aus Göppingen.
„Für chronisch Schmerzkranke ist es aber genau andersherum: Erst ist der Schmerz da und dann das Psychosyndrom.“ Die Betroffenen werden wegen der Schmerzen traurig, ziehen sich zurück, vereinsamen. Bevor ein Schmerzpatient aber auch verhaltenstherapeutisch behandelt wird, gilt laut Pfingsten: „Man muss sorgfältig herausfinden, ob es überhaupt psychische Faktoren gibt. Es besteht sonst die Gefahr, den Patienten vorschnell zu psychologisieren.“
Sind die Schmerzen tatsächlich psychosomatisch, müsse daran aber ebenfalls gearbeitet werden, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologische Schmerztherapie und Schmerzforschung. Dazu erläutert Müller-Schwefe verschiedene Methoden: Mit einem Achtsamkeitstraining etwa lässt sich das Bewusstsein für den eigenen Körper steuern.
Bei Rückenschmerzpatienten spielt zum Beispiel unbewusst die Situation in der Partnerschaft oder am Arbeitsplatz eine wichtige Rolle für das Schmerzempfinden. Die Betroffenen müssen überlegen, was eine bestimmte Konfliktsituation mit ihnen macht und wie sich dieser Moment anfühlt. Sie lernen dann etwa, mit Konfliktsituationen anders umzugehen.
Auch Autosuggestionsverfahren können helfen. Bei der „Fakir-Technik“ lernen Patienten, den Schmerz auszublenden – genau so wie der Fakir auf dem Nagelbett die Nagelspitzen nicht mehr spürt. Oder jemand mit Schmerzen im linken Handgelenk entspannt sich tief und geht in Gedanken in seinem Körper spazieren. „Dabei sucht er sich eine Stelle, die sich besonders wohlig und gesund anfühlt“, erläutert Müller-Schwefe. Dieses Gefühl weite er auf den ganzen Körper aus und bekomme eine andere Wahrnehmung. Mit etwas Übung lasse sich diese in den Wachzustand übertragen.
Gute Erfahrungen machen Psychologen seit einiger Zeit auch mit dem Placebo-Effekt. Dabei gehe es nicht darum, bisher verordnete Schmerzmittel durch Scheinarzneien (Placebo) zu ersetzen, erläutert Renate Klinger von der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz der Universität Hamburg. Vielmehr solle die Wirkung der Medikamente durch eine positive Erwartungshaltung des Patienten verstärkt werden.Das funktioniert so: Der Patient sucht sich eine persönliche Situation, die er als angenehm erlebt – zum Beispiel das abendliche Entspannungstraining – und nimmt zu diesem Zeitpunkt seine Tabletten ein. Irgendwann hat er dann gelernt, dass die Schmerzlinderung durch die Medikamente an einen angenehmen Rahmen geknüpft ist. „Ein angenehmer Duft, ein entspannendes Bad, das ist egal. Hauptsache es besteht eine angenehme Koppelung“, sagt Klinger.
Nach einiger Zeit reiche es manchmal schon, nur eine angenehme Atmosphäre heraufzubeschwören, um die Schmerzen zu lindern. „Eventuell kann man mit seinem Arzt dann auch über eine schrittweise Herabsetzung der Schmerzmitteldosierung sprechen“, rät sie.
Selbstwirksamkeit ist bei dieser Problematik das Schlüsselwort: Sobald jemand weiß, dass er selbst etwas gegen seine Schmerzen tun kann, setzt er einen Prozess in Gang, der sich positiv auf sein Befinden auswirkt.

Nina C. Zimmermann

 

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