Pflanzen besitzen eine besondere Intelligenz

Wie klug sind Tomaten? Haben Pflanzen sogar Gefühle und ein Bewusstsein? Spüren sie etwas, wenn wir mit ihnen sprechen? Hirnforscher haben die Botanik für sich entdeckt und dabei revolutionäre Erkenntnisse gewonnen: Zwischen Tier- und Pflanzenwelt sehen sie kaum Unterschiede.
Braucht ein Mauerblümchen Liebe? Was empfindet der Apfelbaum, wenn ihm der abgesägte Ast auf die Wurzeln fällt? Ist es bloß Chemie, die im Herbst die Blätter färbt und sie fallen lässt, und können Mimosen zwischen Empfindlichkeiten und Empfindungen unterscheiden?

In der Zoologie ist es nicht eindeutig geklärt, ob Tiere, die Schmerz, Gier und etwa Jagderfolg empfinden können, in Dingen wie Treue, Zuneigung oder Fairness dem menschlichen Horizont wirklich so ähnlich sind, wie meist erhofft und fast immer zu Unrecht unterstellt wird. Was Pflanzen erleben, was sie vom Leben haben und ob sie mehr sind als nur ein Wasser, Dünger und Licht verarbeitendes Zellsystem, das ist zwar ein weißes Feld der Botanik. Aber offensichtlich geht in Pflanzen erheblich mehr vor, als sich ein Balkongärtner mit Gießkanne und Nährstoffstäbchen träumen lässt.

In der Botanik bahnt sich eine Revolution an: Neurologen haben die Pflanzenwelt für sich entdeckt. Jene Forscher, die normalerweise Gehirnzellen von Affen anzapfen, elektrische Signale aus Insektenköpfen ableiten und die feine Kommunikation zwischen den Schaltzentralen im Hirn abhören, holen sich jetzt das Grünzeug ins Labor. Was sie finden, ist erstaunlich. „Für uns gibt es zwischen Tier- und Pflanzenreich kaum Unterschiede“, sagt Dieter Volkmann, emeritierter Professor der Universität Bonn, „Pflanzen haben zwar keine Nerven in dem Sinn, wie der Mensch sie hat. Aber es gibt viele vergleichbare Strukturen.“

Knapp ein Jahr ist es her, als Volkmanns Team eine Entdeckung verkündete, die so klang, als hätten Alien-Forscher ein Signal aus dem All empfangen. „Aktionspotenzial im Mais nachgewiesen“, so hieß die Meldung, mit der die Pflanzenneurologen die erstaunliche Nachricht bekannt gaben, dass die strohgelbe Saatpflanze tief im Mutterboden ein durchaus intelligentes Eigenleben führt – und zwar mit einer ähnlichen Raffinesse „wie bei Quallen oder manchen Würmern“.

Demnach haben Pflanzen zwar kein Nervensystem, bedienen sich aber für die Außenwahrnehmung durchaus ähnlicher Hilfsmittel wie Mensch und Tier: mit elektrischen Signalen. Die rasen zwar nicht durch den Körper wie bei einem Versuchskaninchen. Alles geschieht wie in Zeitlupe. Sticht ein Skorpion einen Menschen in den Fuß, weiß dessen Kopf sofort, was los ist. Das Signal einer Sonnenblume würde für die gleiche Strecke knapp drei Minuten brauchen. Pflanzenbotschaften, wie etwa die Bonner Forscher sie messen, wandern mit einer Geschwindigkeit von einem Zentimeter pro Sekunde durch das Blattwerk. In der menschlichen Haut sind sie 10.000-mal schneller.
Diese grüne Trägheit hat Konsequenzen. Eine Pflanze kompensiert das durch Feinfühligkeit. „Stellen Sie sich vor, Sie seien eine Butterblume. Sie können nicht weglaufen, deshalb müssen Sie genau verfolgen, was in Ihrer Umgebung passiert“, sagt der Bonner Botaniker Frantisek Baluska, „Sie brauchen ganz besonders feine Sinne, um zu erfassen, was um Sie herum passiert.“ Der feinfühligste Teil des Grüns sitzt in der Wurzel. „Eine einzelne Wurzelspitze misst in jeder Sekunde Schwerkraft, Licht, Nährstoffe und Gifte“, sagt Baluska. Im Bonner Maislabor zeigte sich, dass die Pflanzenwurzel innerhalb von Sekunden ihre Wuchsrichtung ändern kann, sobald sie im Boden auf Gift stößt oder sich ihre Position im Blumentopf ändert. Aber Gift und Schwerkraft ist nicht das Einzige, was eine Pflanze interessiert.

Ebenfalls aus diesem Jahr stammt eine Studie, die so esoterisch klang, dass die Berichterstattung in den Redaktionen von den Wissenschaftsseiten ins Vermischte delegiert wurde. In einem toskanischen Weinberg hatten Forscher den Reben Musik vorgespielt: Mozart, Haydn, Vivaldi, Maler – die Lautsprecher liefen 24 Stunden am Tag, zehn Jahre lang. Vor Kurzem dann das Ergebnis, die erste wissenschaftlich fundierte Antwort auf jene Frage, die nicht nur die Esoteriker unter den Hobbygärtnern bewegt: Wachsen Pflanzen besser mit Musik? Können sie hören? Und: Mögen sie es, wenn man mit ihnen spricht?

Natürlich haben Pflanzen keine Ohren, schreibt der Wissenschaftsjournalist und Buchautor Joseph Scheppach in seinem neuen Buch „Das geheime Bewusstsein der Pflanzen“. Aber sie reagieren offenbar auf Schall. „Die beschallten Weinblätter sind größer und die Trauben aromatischer als die unbeschallten“, sagt Studienleiter Stefano Mancuso. „Jede einzelne Pflanzenzelle hat eine Membran, die empfindlicher ist als das menschliche Hörorgan“, schreibt Scheppach in seinem Buch.
Genauso lieben Pflanzen es, gestreichelt zu werden. Etwa zehn Jahre ist es her, da entdeckten amerikanische Forscher „Touch-Gene“, also Berührungsgene. Werden diese Gene aktiviert, ändert die Pflanze ihre Wachstumsrichtung: Statt in die Höhe zu schießen, legt sie mehr und mehr an Breite zu. Der Versuch in den texanischen Labors der Pflanzengenetikerin Janet Braam war so schlicht, dass ihn jeder in der Küche nachstellen kann: zwei Blumentöpfe, in jedem wächst ein Bohnen- oder wie bei den Texanern ein Senfpflanzenspross. Der eine wird gestreichelt, massiert, liebkost, am besten mindestens viermal täglich, der andere wird zwar regelmäßig gegossen, aber ansonsten ignoriert. Das Ergebnis: Das gestreichelte Pflänzchen wächst kurz und dick, während das missachtete in die Höhe schießt wie ein U-Boot-Periskop.
Von Elke Bodderas
Aus: Welt.de

Share

Hinterlass eine Antwort