Die Schönheit einer gebrauchten Teeschale

Japans zeitgenössische Keramikszene gilt als eine der lebendigsten und vielseitigsten der Welt
In der Töpferei pflegen die Japaner eine einzigartige Form ästhetischer Kommunikation. Die heutige Keramikszene ist aber keineswegs das Resultat einer ungebrochenen Tradition, sondern das Ergebnis von Wiederbelebung und Neuerfindung.
Philipp Meier

Wer schon in den Genuss japanischer Kochkunst gekommen ist, weiss um die Schönheit der Speisen-Arrangements. Nicht nur werden die mundgerecht zugeschnittenen Esswaren in raffinierter Weise getürmt, gestapelt und zu kleinen, kunstvoll aufeinander abgestimmten Gebilden gebüschelt. Sie werden auch in unzähligen Schälchen, Tellerchen, Plättchen und Schüsselchen gereicht, die in Materialität, Formgebung, Textur und Farbe von erstaunlicher Vielfalt sind. Im Gegensatz zur westlichen Tafelkultur kennt man in Japan kein einheitliches Geschirrservice. Das Diner in einer traditionellen Unterkunft (ryokan) wird in bis zu dreissig oder mehr verschiedenen Gefässen serviert. Zahlreich sind auch die für das Geschirr verwendeten Materialien: Zu Steinzeug und Porzellan gesellen sich je nach Jahreszeit Lackwaren, Bambus und Glas. Die Hauptrolle jedoch spielen Keramiken von unterschiedlichster Beschaffenheit.

Urjapanische Disziplin
Die Keramiktradition Japans zählt heute zu den lebendigsten der Welt. Auch gehört sie mit ihren Ursprüngen in der Frühgeschichte, also vor rund 12 000 Jahren, zu den ältesten überhaupt. Oft gilt Japan daher als Paradies der Töpferkunst schlechthin. Die riesige Vielfalt der Erzeugnisse reicht vom feinen farbigen Porzellan aus Arita bis zur schrundig-archaischen Shigaraki-Keramik aus unglasiertem Steinzeug. So zählt Japan Hunderte von sehr unterschiedlichen «Öfen», die oft geografisch dicht nebeneinander liegen. Wobei mit «Ofen» nach japanischem Sprachgebrauch ebenso ein einzelnes Atelier wie ein Keramik-Gebiet mit bis zu tausend Werkstätten bezeichnet werden kann. Japan ist reich an Tonerde. Viele Töpfer graben den Ton oder zumindest Anteile des verwendeten Gemischs noch selber. Auf Tonqualität legen sie grosses Gewicht, denn nicht zuletzt bestimmt der Ton das Erscheinungsbild eines Gefässes.

Keramik nimmt im japanischen Alltag einen bedeutenden Stellenwert ein. Neben der Gebrauchskeramik für den alltäglichen Bedarf – oft preiswerte, aber reizvolle Massenware, wie man sie auch in den Restaurants des ganzen Inselreichs in breitester Varietät antrifft – gibt es die erlesenen und teilweise sehr kostspieligen Keramiken der Studiotöpfer für die Teezeremonie, für Ikebana-Gestecke oder für das gepflegte Sake-Trinken. Sodann werden auch veritable Objets d’Art international berühmter Keramikkünstler in renommierten Galerien angeboten.

Die wichtigste Rolle spielt dabei die Gefässkeramik, wobei deren Gebrauchswert weit höher gewichtet wird als im Westen, wo repräsentative Schaustücke oft ein Dasein hinter Vitrinenglas fristen. So sind die meisten Keramiken in Japan, auch kostbare, hochpreisige Objekte, für den Gebrauch bestimmt. Und gerade die überwiegenden Stücke kleineren Formats entfalten ihre volle Schönheit oft erst bei der Benutzung: stille Arbeiten wie Schalen und Platten, Vasen und Teebecher, die im Zusammenspiel mit Speisen, Blumen und Grüntee ihren Charme auch ganz im Sinne des «Form follows function» offenbaren.

Das Verständnis von «Schönheit im Gebrauch» (yô no bi) ist auch Grund dafür, warum in Japan Gebrauchsspuren oder mit Goldlack reparierte Bruchstellen (kintsugi) ein Objekt bisweilen noch wertvoller machen. Die Patina der Abnutzung entspricht japanischem Schönheitsempfinden. Zu diesem zählt auch die Wertschätzung des Asymmetrischen und manchmal Sperrig-Spröden. Hinzu kommt eine Vorliebe für die Spuren der Herstellung: Das Spiel des Zufalls, das durch die unberechenbaren Kräfte des Feuers beim Holzofenbrand entsteht, ist oft wichtiger Bestandteil der Gestaltung. So gelten etwa durch Ascheanflug spontan entstandene Glasuren als Ausdruck kunstvoller Natürlichkeit.

Keramikkünstler mit Kultstatus
Dem Element der Natur in der Keramikkunst wird im täglichen Gebrauch nicht zuletzt auch mit der sorgfältigen Abstimmung des Geschirrs auf die verschiedenen Jahreszeiten Rechnung getragen. So strahlt eine aus dunklem Steinzeug geformte Winter-Teeschale für grünen Matcha-Tee würdevolle Strenge aus. Ein Sake-Fläschchen aus feinem Porzellan mit dezentem Kirschblüten-Dekor reflektiert dagegen die Leichtigkeit des Frühlings.

Unzählige Keramikgalerien und regelmässig stattfindende Töpfermärkte, deren berühmteste jeweils von Hunderttausenden von Japanern besucht werden, sorgen für ein breites Kaufangebot. Überdies bieten die Warenhäuser Keramik in grosser Auswahl an. Die berühmtesten Kaufhäuser wie etwa Matsuzakaya, Mitsukoshi oder Matsuya veranstalten zudem regelmässig Sonderausstellungen mit bestimmten Keramikern sowie veritable Kunstausstellungen mit den renommiertesten Studiotöpfern des Landes. In diesen Geschäften sind übrigens auch die edelsten Manufakturen aus dem Westen wie Meissen oder Herend mit aussergewöhnlich grossem Sortiment vertreten – ein Umstand, der die allgemeine Hochachtung der Keramik in Japan nur bestätigt.

Ein Besuch im Nationalmuseum in Tokio macht überdies schnell deutlich, dass zwischen bildender Kunst und Kunsthandwerk nicht wie im Westen unterschieden wird. Eine bedeutende Vase oder Teeschale geniesst denselben Stellenwert wie eine Tuschmalerei oder Kalligrafie. Berühmte Teeschalen sind mit eigenen Namen versehen. Diese Hochschätzung keramischer Erzeugnisse spiegelt sich auch in den rund 560 eigentlichen Keramikmuseen des Landes. Eines der jüngsten Beispiele ist das Museum of Modern Ceramic Art in Tajimi, 2002 erbaut von dem international bekannten Architekten Isozaki Arata.

Der in einen bewaldeten Hang eingelassene Bau, vor dessen mächtigen Glasfronten sich Kaskaden über riesige Stufen ergiessen, beherbergt über 1300 Objekte der modernen und zeitgenössischen internationalen Keramikkunst. Japanisches Teegeschirr wird hier neben europäischem Tafelservice und zeitgenössischer keramischer Objektkunst präsentiert. Es versteht sich von selbst, dass dieser moderne, ausschliesslich der Keramik gewidmete Museumsbau in einem Erdbebenland wie Japan über eine ganz spezielle Konstruktion verfügt: Die Böden der Ausstellungsräume sind an den Decken aufgehängt, und die schlicht gestalteten Vitrinen sind auf Rollen montiert, so dass keine Erderschütterung den zerbrechlichen Schätzen etwas anhaben kann.

Die Auffassung von den angewandten Künsten als einem künstlerisch zweitrangigen Phänomen, dessen Schöpfungen es etwa an Geist und Tiefe mangle, war in Japan lange unbekannt. Erst durch die Modernisierung mit der Meiji-Restauration ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden kulturelle Wertestandards aus dem Westen übernommen. Dies hat das Selbstbewusstsein der Kunsthandwerker, die im japanischen Kontext eigentlich vielmehr als Handwerkskünstler bezeichnet werden müssten, aber nicht zerstört. Einem «Lebenden Nationalschatz» wie Hamada Shôji (1894–1978), dem berühmten Mingei-Keramiker, kommt in Japan dieselbe Anerkennung zu wie einem Meister der Malerei oder Plastik. Ein Fukami Sueharu geniesst heute in der japanischen Öffentlichkeit einen ähnlichen Status wie die Stars der internationalen Gegenwartskunst.

Es war allerdings gerade die weltweit singuläre Institution der «Lebenden Nationalschätze» (ningen kokuhô), die nach dem Zweiten Weltkrieg den Fortbestand manchen traditionellen japanischen Kunsthandwerks sicherte. Mit dieser Auszeichnung für bestimmte Künstler erfuhr insbesondere die durch die Modernisierung vom Aussterben bedrohte Keramikkunst eine ungemeine kulturpolitische und gesellschaftliche Stärkung. Der Titel des «Lebenden Nationalschatzes» gilt denn auch nicht so sehr einer Person als vielmehr einer schützenswerten Handwerkstradition. Der Ausgezeichnete soll damit verpflichtet werden, das Überdauern bestimmter von ihm beherrschter Techniken durch Pflege und Weitergabe zu gewährleisten.

Die alte Melodie der Teekeramik
Daran wird auch deutlich, dass die moderne japanische Keramikszene nicht etwa ein Refugium althergebrachter Werte darstellt, an dem die Umwälzungen der Moderne spurlos vorübergegangen wären. Die oft archaisch anmutende Teekeramik Japans scheint zwar einer alten Melodie zu folgen und vermag in ihrer stillen Präsenz und Tiefe bisweilen auch eine Art Gegenwelt zum lauten und schnelllebigen Alltag der Moderne zu etablieren. Dabei wird aber gerne übersehen, dass man es bei vielen Erscheinungsformen zeitgenössischer Keramik in gewisser Hinsicht mit der modernen Erfindung einer Tradition zu tun hat. Solche Rückgriffe auf vermeintlich traditionelle Werte dienten im rasanten Modernisierungsprozess, den Japan durchlief, vor allem auch der Bildung einer nationalen Identität. Dies gilt sowohl im Fall der Rückbesinnung auf mittelalterliche Töpfertraditionen, die unter dem Begriff des Momoyama-Revivals zusammengefasst wird, als auch für die Mingei-Volkskunst-Bewegung. Beide Bewegungen waren wichtige Elemente bei der Schaffung des modernen japanischen Nationalstaates.

So wurde etwa mit der «Entdeckung» von Sen no Rikyûs (1522–1591) Teezeremonie als einer «typisch japanischen» Kunstform erstmals ein ästhetischer Massstab geschaffen für etwas unverwechselbar «Eigenes». Heute gelten die berühmten Glasuren der Mino-Keramik (kiseto, shino, setoguro und oribe), die in der Momoyama-Zeit (1573–1603) in engem Zusammenhang mit der Teezeremonie entstanden waren, als die ersten eigenständigen Entwicklungen in der japanischen Keramikgeschichte. Im Zuge der Wiederentdeckung der Mino-Ware in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde erstmals auch der Begriff einer eigentlichen «Teekeramik» geprägt.

Zu dieser Wiederbelebung und Neuerfindung gehört auch ein neu erwachtes Interesse an den mittelalterlichen Keramikzentren von Seto, Tokoname, Shigaraki, Tanba, Echizen und Bizen. Mit der Erforschung dieser als «klassisch japanisch» definierten und unter der Bezeichnung der «Sechs alten Öfen» zusammengefassten Töpferwerkstätten ging eine Renaissance alter japanischer Brenntechniken einher. Die Keramikerzeugnisse dieser Öfen entsprechen in ihrem erdigen Erscheinungsbild, für das Spuren des Zufalls, Unreinheiten im Ton sowie krustige Ascheanflug-Glasuren charakteristisch sind, ganz dem ästhetischen Ideal der Einfachheit, wie es von den alten Teemeistern unter dem Begriff des «wabi cha» (Tee des stillen Geschmacks) hochgehalten wurde.

Auf den Idealen des Einfachen, Rustikalen und Natürlichen der grossen Ahnherren des japanischen Teewegs im 16. Jahrhundert gründete auch die Mingei-Bewegung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als deren Vater Yanagi Sôetsu (1889–1961) gilt. Neben seiner Auseinandersetzung mit dem britischen Arts and Crafts Movement hegte Yanagi eine grosse Faszination für die bäuerlich unvollkommene Keramik der koreanischen und japanischen Volkskunst. Durch sie kam er zur Überzeugung, dass wahre Schönheit in der Schlichtheit und Spontaneität anonymen Kunsthandwerks zu finden sei. Yanagis philosophische Überlegungen zur Schönheit der einfachen Dinge waren denn für die Entwicklung der modernen Keramikszene in Japan von kaum zu überschätzender Bedeutung.
Aus: nzz.ch

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